Wenn der Druck zum ständigen Begleiter wird – Leistungsdruck als Unternehmer gestalten statt aushalten

Leistungsdruck als Unternehmer gestalten statt aushalten

Eine Bergtour von Volker Ehmann die Zeigt wie Unternehmen sich bei Druck und Steigung verhalten

Eine Bergtour beginnt meistens leicht. Der Weg ist breit, die Steigung moderat, das Gespräch mit den anderen läuft nebenbei. Doch je höher man kommt, desto schmaler wird der Pfad, desto dünner die Luft, desto mehr zählt jeder Schritt. Manche Unternehmer kenne ich, die genau in diesem Zustand seit Jahren unterwegs sind. Nicht auf einem Berg, sondern in ihrem Betrieb. Sie tragen einen Rucksack, der von Jahr zu Jahr schwerer wird, ohne dass sie ihn je richtig absetzen. Der Umsatz muss stimmen, die Mitarbeiter brauchen Orientierung, die Kunden erwarten Verlässlichkeit, und irgendwo dazwischen soll auch noch das eigene Leben stattfinden.

Ich habe selbst über zwanzig Jahre als Führungskraft im Maschinenbau gearbeitet, bevor ich mich selbstständig gemacht habe. Ich kenne den Druck, der entsteht, wenn Entscheidungen nicht mehr delegierbar sind, weil man am Ende die Verantwortung trägt. Und ich habe gelernt, dass dieser Druck nicht automatisch verschwindet, wenn man ihn ignoriert oder mit noch mehr Einsatz zu kompensieren versucht. Im Gegenteil. Er wird zum Dauerzustand, wenn wir ihn nicht bewusst gestalten.

Warum Leistungsdruck bei Unternehmern anders wirkt

Angestellte Führungskräfte können Verantwortung zumindest formal abgeben, in den Urlaub gehen, sich krankschreiben lassen. Als Unternehmer trägt man die Verantwortung mit nach Hause, in den Schlaf, in den Familienalltag. Diese Dauerbelastung hat einen realen körperlichen Preis. Das Yerkes-Dodson-Gesetz beschreibt seit über hundert Jahren einen einfachen, aber wichtigen Zusammenhang: Leistung steigt mit Anspannung, aber nur bis zu einem bestimmten Punkt. Danach kippt die Kurve. Mehr Druck bedeutet dann nicht mehr Leistung, sondern weniger. Wer glaubt, mit noch mehr Anspannung noch mehr herausholen zu können, arbeitet gegen die eigene Physiologie.

Hier hilft ein Blick auf die Polyvagal-Theorie von Stephen Porges. Sie erklärt, wie unser Nervensystem auf Belastung reagiert. Solange wir uns sicher fühlen und Handlungsspielraum erleben, bleiben wir im sogenannten ventral-vagalen Zustand: Wir können denken, kommunizieren, Beziehungen pflegen, kreativ Probleme lösen. Steigt der Druck über einen längeren Zeitraum, ohne dass Erholung folgt, wechselt das Nervensystem in einen Zustand der Daueraktivierung. Wir funktionieren noch, aber wir denken enger, reagieren gereizter, verlieren den Zugang zu den eigenen Ressourcen. Genau das erlebe ich häufig bei Unternehmern, die zu mir in die Beratung kommen: Sie sind nicht faul oder unmotiviert, sie sind fachlich hochkompetent, aber ihr System läuft im Erschöpfungsmodus, obwohl der Kopf sagt, es müsse doch noch mehr gehen.

Ein zweiter Faktor kommt hinzu: die Illusion der Kontrolle. Viele Unternehmer glauben, dass mehr Arbeit gleich mehr Sicherheit bedeutet. Das stimmt kurzfristig manchmal sogar. Langfristig zeigt sich aber ein anderes Muster. Wer dauerhaft über die eigene Kapazitätsgrenze hinaus arbeitet, trifft schlechtere Entscheidungen, verliert den Überblick über das Wesentliche und überträgt die eigene Anspannung unbewusst auf das Team. Druck ist ansteckend. Ein angespannter Unternehmer führt selten ein entspanntes, eigenverantwortlich handelndes Team.

Die Falle der Selbstüberschätzung der eigenen Unersetzlichkeit

In der Beratung begegnet mir immer wieder ein bestimmter Satz: „Das kann nur ich entscheiden.“ Manchmal stimmt das. Oft aber ist es ein Glaubenssatz, der sich über Jahre eingeschliffen hat, weil er in der Gründungsphase tatsächlich notwendig war. Ein Unternehmen, das wächst, braucht aber irgendwann eine andere Struktur als in den ersten Jahren. Wer als Unternehmer weiterhin jede operative Entscheidung selbst trifft, blockiert nicht nur die eigene Entwicklung, sondern auch die des Teams. Mitarbeiter, denen keine echte Verantwortung übertragen wird, entwickeln auch keine Selbstwirksamkeit. Sie werden passiver, nicht aktiver. Das verstärkt wiederum den Druck auf den Unternehmer, weil scheinbar niemand außer ihm mitdenkt.

Was konkret hilft

Der erste Schritt ist unbequem, aber wirksam: eine ehrliche Bestandsaufnahme. Wo im Tagesablauf entsteht der größte Druck? Ist es die Auftragslage, die Personalführung, die eigene Erwartungshaltung, oder das Gefühl, ständig erreichbar sein zu müssen? Diese Unterscheidung ist wichtig, weil die Lösungswege unterschiedlich sind. Wirtschaftlicher Druck braucht andere Antworten als ein zu hoher Anspruch an sich selbst.

Eine Methode, die ich in der Praxis häufig einsetze, ist BioTimeBoxing. Dabei wird der Tag nicht nach starren Zeitblöcken strukturiert, sondern nach dem eigenen biologischen Rhythmus. Es gibt Phasen am Tag, in denen konzentriertes Arbeiten leichter fällt, und Phasen, in denen der Körper Erholung braucht. Wer diese Phasen kennt und bewusst nutzt, statt permanent gegen sie anzuarbeiten, trifft bessere Entscheidungen und braucht insgesamt weniger Zeit für dieselbe Leistung. Das klingt zunächst nach einem kleinen organisatorischen Kniff. In der Praxis verändert es aber häufig den gesamten Tagesablauf, weil Unternehmer zum ersten Mal seit Langem merken, dass sie ihren Tag wieder mitgestalten, statt nur zu reagieren.

Ein zweiter praktischer Ansatz betrifft die Delegation, und zwar nicht im Sinne von „Aufgaben abgeben“, sondern im Sinne von echter Verantwortungsübertragung. Ein einfaches Beispiel aus der Beratung: Ein Unternehmer eines mittelständischen Betriebs hat über Jahre jede Kundenreklamation selbst bearbeitet, weil er der Meinung war, nur er könne die richtige Balance zwischen Kulanz und Wirtschaftlichkeit finden. Wir haben gemeinsam ein einfaches Entscheidungsraster für sein Team entwickelt: klare Kriterien, ab wann eine Reklamation selbstständig bearbeitet werden darf, und ab wann sie eskaliert wird. Nach wenigen Wochen zeigte sich: Das Team traf in den allermeisten Fällen genauso gute Entscheidungen wie er selbst. Der Unternehmer gewann Zeit, das Team gewann Selbstwirksamkeit. Beides zusammen senkt den Druck nachhaltig, weil Verantwortung tatsächlich auf mehrere Schultern verteilt wird.

Ein dritter Punkt betrifft die Bewegung, und zwar nicht als Ausgleichsprogramm nach Feierabend, sondern als tägliche Ressource zur Regulation des Nervensystems. Ich selbst war lange Zeit Leistungssportler und Ultraläufer, und ich weiß aus eigener Erfahrung, wie stark körperliche Bewegung das Denken verändert. Schon zwanzig bis dreißig Minuten zügiges Gehen oder Laufen am Tag senken nachweislich das Stresshormon Cortisol und aktivieren den Parasympathikus, also genau jenen Teil des Nervensystems, der für Erholung und klares Denken zuständig ist. Für viele Unternehmer ist das keine zusätzliche Belastung im ohnehin vollen Terminkalender, sondern im Gegenteil eine der wenigen Zeiten am Tag, in denen tatsächlich wieder Klarheit entsteht. Manche meiner Klienten führen die wichtigsten strategischen Gespräche inzwischen bewusst im Gehen, nicht am Schreibtisch.

Der vierte Ansatzpunkt ist die eigene Haltung zum Fehler. Petzold beschreibt in seinem Modell der fünf Säulen der Identität die Leistung als eine von mehreren Säulen, die einen Menschen tragen, neben Körperlichkeit, sozialem Netzwerk, materieller Sicherheit und Werten. Wenn die Säule der Leistung zur einzigen wird, auf der das gesamte Selbstwertgefühl ruht, wird jeder Rückschlag existenziell bedrohlich erlebt. Das erhöht den Druck zusätzlich, weil nicht nur das Unternehmen, sondern auch das eigene Selbstbild auf dem Spiel zu stehen scheint. Ein bewusster Blick auf die anderen Säulen, auf Beziehungen, Gesundheit, Werte, Bewegung, entlastet diese eine Säule und macht das gesamte System stabiler. Wer mehrere tragende Beine hat, gerät bei einem Sturm seltener ins Wanken.

Kleine Schritte statt großer Pläne

Viele Unternehmer, die ich begleite, wollen den Druck mit einem großen Wurf lösen: eine neue Organisationsstruktur, ein komplettes Delegationskonzept, ein radikal neuer Tagesablauf. Das scheitert in der Praxis häufig, weil es selbst wieder Druck erzeugt. Nachhaltige Veränderung entsteht durch kleine, konsequente Schritte, die wirklich umgesetzt werden. Ein einziges klar definiertes Entscheidungsraster für eine Aufgabe, die bislang nur der Unternehmer selbst getroffen hat. Ein fester Zeitblock am Vormittag ohne Unterbrechung. Ein tägliches, kurzes Bewegungsritual. Diese Schritte wirken unscheinbar, entfalten aber über Wochen eine Wirkung, die ein großer Plan selten erreicht, weil sie tatsächlich zur Gewohnheit werden.

Ein Gedanke zum Weiterdenken

Ein Weg im Gebirge führt selten geradeaus zum Gipfel. Er schlängelt sich, weicht Hindernissen aus, macht manchmal scheinbar unnötige Umwege, um am Ende doch anzukommen. Wer versucht, die direkte Linie zu erzwingen, verausgabt sich meist schneller, als der Weg es erlaubt. Unternehmerischer Druck lässt sich nicht wegwünschen, das wäre unrealistisch. Aber er lässt sich gestalten, dosieren, in ein Verhältnis bringen, das auf Dauer trägt. Die Frage ist nicht, ob Verantwortung Druck erzeugt. Das tut sie fast immer. Die Frage ist, ob dieser Druck bewusst gesteuert wird oder ob er einen steuert.

Genau darin liegt für mich der Unterschied zwischen dem Eigentlich und der Wirksamkeit. Eigentlich wollte man delegieren, eigentlich wollte man sich Zeit für Bewegung nehmen, eigentlich wollte man die eigenen Grenzen ernst nehmen. Wirksamkeit entsteht erst, wenn aus diesem Eigentlich ein konkreter, umgesetzter Schritt wird. Nicht alles auf einmal, aber etwas, das heute schon beginnen kann.

Vom Eigentlich in die Wirksamkeit.

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