Es ist kurz vor sieben am Abend. Der letzte Klient ist gegangen, die Praxis ist aufgeräumt, das Auto steht am Parkplatz. Der Motor ist schon aus, aber du fährst noch nicht los. Du sitzt da und gehst das Gespräch noch einmal durch. Diesen einen Satz, den er gesagt hat. Deine Antwort darauf. War das zu schnell? Hättest du nachfragen sollen?
Zu Hause fragt jemand: „Wie war dein Tag?“ Du sagst: „Gut.“ Mehr darfst du ohnehin nicht erzählen, und ehrlich gesagt hättest du auch keine Kraft dazu. Beim Abendessen bist du mit einem Teil deiner Gedanken immer noch in diesem Beratungsraum.
Wer mit Menschen arbeitet, kennt solche Abende. Die Frage ist nicht, ob sie vorkommen. Die Frage ist, was man mit ihnen macht.
Der Fall, der mitfährt
Dass einen manche Gespräche länger beschäftigen, gehört zur Arbeit. Es zeigt, dass man nicht abgestumpft ist, sondern berührbar geblieben ist. Genau diese Berührbarkeit ist ein wichtiges Werkzeug in der Beratung. Ohne sie wird Beratung zur Abwicklung.
Kritisch wird es, wenn aus dem gelegentlichen Nachdenken ein Dauerzustand wird. Wenn ein Fall nicht nur einmal mitfährt, sondern jeden Tag. Wenn Unsicherheit, Druck oder die Geschichte eines anderen Menschen sich so festsetzen, dass sie das eigene Leben einfärben. Dann braucht es einen Ort, an dem das Ganze abgeladen, sortiert und wieder handhabbar gemacht werden kann.
Der Schuster und seine Schuhe
Es gibt da eine gewisse Ironie in unserem Beruf. Wir erklären Klientinnen und Klienten, wie wichtig Pausen sind, und essen selbst das Mittagessen um halb vier im Stehen zwischen zwei Terminen. Wir sprechen über Grenzen und beantworten am Sonntagabend noch schnell eine Nachricht, „weil es ja dringend klang“. Wir ermutigen andere, sich Unterstützung zu holen, und denken bei uns selbst: Das sollte ich eigentlich allein hinbekommen.
Die Gründe dafür sind verständlich. Viele Beraterinnen, Berater und Coaches arbeiten allein, ohne Team, ohne Kollegin am Gang, der man kurz etwas erzählen kann. Dazu kommt ein hoher Anspruch an sich selbst. Wer anderen hilft, möchte selbst sicher und stabil wirken. Und manchmal steckt auch ein leiser Gedanke dahinter: Wenn ich Unterstützung brauche, bin ich vielleicht doch nicht so gut in meinem Beruf.
Genau dieser Gedanke ist der Denkfehler. Unterstützung zu suchen ist kein Beweis für fehlende Kompetenz. Es ist Teil davon.
Woran du merkst, dass es Zeit ist
Nicht jeder schwierige Tag braucht Supervision. Aber es gibt Hinweise, die man ernst nehmen sollte:
- Ein bestimmter Klient oder eine bestimmte Klientin beschäftigt dich auch außerhalb der Arbeitszeit, immer wieder.
- Du reagierst in einem Fall ungewöhnlich stark: gereizt, besonders fürsorglich, ungeduldig oder mit dem Wunsch, jemanden zu retten.
- Du merkst, dass du einem Termin innerlich ausweichst oder erleichtert bist, wenn er abgesagt wird.
- Ähnliche Situationen fühlen sich immer wieder schwierig an, und du weißt nicht genau, warum.
- Die Grenzen deiner Rolle verschwimmen, zum Beispiel bei der Erreichbarkeit, bei Nähe oder bei der Frage, wofür du eigentlich verantwortlich bist.
- Du zweifelst grundsätzlicher an deiner Arbeit als sonst.
Keines dieser Zeichen bedeutet, dass du etwas falsch machst. Sie bedeuten, dass etwas in Bewegung ist, das einen zweiten Blick verdient.
Was in der Supervision tatsächlich passiert
Manche stellen sich Supervision wie eine Prüfung vor, bei der jemand die eigene Arbeit bewertet. Das ist sie nicht. Supervision ist ein vertraulicher Raum, in dem du eine Situation betrachten kannst, ohne dich rechtfertigen oder sofort eine Lösung parat haben zu müssen.
Dabei geht es meistens um drei Ebenen. Da ist zunächst der Fall selbst: Was ist passiert, was hat der Klient gebraucht, welche Möglichkeiten gibt es für die nächsten Gespräche? Dann die eigene Rolle: Wofür bin ich zuständig, wo endet mein Auftrag, wo übernehme ich zu viel? Und schließlich das, was in dir selbst berührt wurde. Manchmal beschäftigt uns ein Fall deshalb so stark, weil er an eigene Erfahrungen andockt. Das zu erkennen, ist keine Schwäche, sondern macht die Arbeit klarer.
Eine oft unterschätzte Rolle spielt dabei der Körper. Ein enger Hals, ein flauer Magen, eine plötzliche Müdigkeit mitten im Gespräch: Solche Reaktionen sind häufig ein Hinweis darauf, dass ein Thema persönlich berührt oder dass eine Grenze erreicht ist. Wer lernt, diese Signale wahrzunehmen, bekommt ein zusätzliches Instrument für die eigene Arbeit. Mehr dazu, wie Körperwahrnehmung und Bewegung in meine Arbeit einfließen, findest du auf meiner Website.
Supervision gibt es als Einzelsetting und in der Gruppe. Im Einzelgespräch ist Raum für sehr persönliche Fragen. In der Gruppe kommen unterschiedliche Blickwinkel dazu, und oft entlastet schon die Erkenntnis, dass andere mit ganz ähnlichen Situationen ringen.
Fünf Minuten, bevor du das Licht abdrehst
Supervision ersetzt diese Übung nicht, aber sie hilft, zwischen den Supervisionsterminen besser für sich zu sorgen. Sie dauert etwa fünf Minuten und passt ans Ende eines Beratungstages oder nach einem besonders fordernden Gespräch.
- Setz dich noch einmal hin, bevor du den Raum verlässt, und beantworte schriftlich drei Fragen: Was hat mich heute bewegt? Wo habe ich es im Körper gespürt? Was nehme ich in die nächste Supervision mit?
- Entscheide bewusst, was hierbleibt. Die Notizen bleiben in der Praxis, nicht in der Jackentasche.
- Steh auf, öffne das Fenster, atme ein paar Mal tief und langsam aus. Ein paar einfache Atemübungen gegen Stress eignen sich gut dafür.
- Schließ die Tür bewusst. Klingt banal, markiert aber einen Übergang, den der Kopf sonst gern überspringt.
Nach ein paar Wochen hast du damit auch eine gute Sammlung von Themen für die nächste Supervision, statt dort erst lange überlegen zu müssen, worüber du eigentlich sprechen willst.
Das Pickerl für die Beratungsarbeit
Niemand bringt sein Auto zur Pickerlüberprüfung, weil es kaputt ist. Man bringt es hin, damit es nicht kaputt wird. Und weil ein geschulter Blick Dinge bemerkt, die man selbst beim täglichen Fahren längst überhört: das leise Quietschen beim Bremsen, die abgefahrene Kante am Reifen. Das gilt für Fahranfänger genauso wie für Menschen, die seit dreißig Jahren am Steuer sitzen.
Supervision ist dieses Pickerl für die Beratungsarbeit, nur eben öfter als einmal im Jahr. Sie sagt nichts darüber aus, wie gut jemand ist. Sie ist ein Zeichen dafür, dass jemand die eigene Arbeit und die Menschen, mit denen er arbeitet, ernst nimmt. Deshalb ist sie für Menschen am Beginn ihrer Beratungstätigkeit genauso sinnvoll wie für jene, die schon lange in der Praxis stehen.
Der Satz mit dem Eigentlich
Den Satz „Eigentlich sollte ich mal wieder in Supervision gehen“ tragen viele Menschen in beratenden Berufen schon eine ganze Weile mit sich herum. Vielleicht kennst du ihn auch. Vom Eigentlich in die Wirksamkeit gilt nicht nur für Klientinnen und Klienten, sondern auch für die, die sie begleiten.
Wer andere hält, braucht selbst einen Ort, an dem er gehalten wird. Nicht erst, wenn nichts mehr geht, sondern damit es gar nicht so weit kommt.
Wie Einzel- und Gruppensupervision für Lebensberater und Coaches bei mir aussieht, beschreibe ich auf der Seite Supervision für Lebensberater und Coaches. Wenn du wissen möchtest, ob das für dich passt, ist ein kostenloses Erstgespräch ein möglicher erster Schritt.

Hinterlasse einen Kommentar