Die Macht der Gewohnheiten: wie Routinen entstehen, wann sie zur Falle werden und wie du sie änderst

Jeder kennt sie, die täglichen Gewohnheiten: der Kaffee in der Früh, die Zigarette nach dem Aufwachen, die Serie am Abend, die Schokolade nach dem Mittagessen, Sport nach der Arbeit, zuerst die offenen Mails prüfen, das immer gleich ablaufende Meeting.

Das sind die offensichtlichen. Wer seinen Tagesablauf einmal bewusst durchgeht, findet noch viele versteckte Gewohnheiten. Und manchmal stellt sich die Frage: Ist das noch Gewohnheit, oder schon mehr?

Kaffeetasse am Morgen als Sinnbild für Gewohnheiten

Gewohnheit oder schon Sucht?

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier

Der Spruch hat einen wahren Kern. Gewohnheiten sind Verhaltensweisen, die wir regelmäßig ausführen, ohne bewusst darüber nachzudenken. Sie betreffen die Arbeit genauso wie Ernährung, Einkaufen, den Umgang mit dem Handy oder Bewegung.

Meist entstehen Gewohnheiten, nachdem wir einmal eine Entscheidung getroffen und sie dann immer wieder wiederholt haben, bis wir sie nicht mehr hinterfragen. Studien zufolge läuft ein großer Teil unserer täglichen Handlungen, rund 40 Prozent, als Routine ab. Das entlastet das Gehirn und schützt es vor Überforderung. Diesen Automatismus können wir nutzen, wenn wir Gewohnheiten bewusst gestalten, etwa für unsere Gesundheit.

Die meisten Menschen überlassen ihre Abläufe aber dem Zufall. Und genau hier liegt das Risiko. Denn ob eine Routine uns guttut oder schadet, ist dem Gehirn zunächst egal. Es bevorzugt einfache Lösungen, um Energie zu sparen.

Ein Beispiel: Wer gelernt hat, dass eine Zigarette sich nach Stressabbau anfühlt, greift bei Stress immer wieder dazu, obwohl es viel gesündere Wege zum Stressabbau gibt. Körperlich bedeutet jede Zigarette zusätzliche Belastung, trotzdem bewertet das eingeübte Muster sie als angenehm. Beim Rauchen sind wir uns meist einig, dass es sich um eine Abhängigkeit handelt.

Was Sucht ausmacht

Die Weltgesundheitsorganisation beschrieb Sucht bereits 1957 unter anderem durch ein kaum bezwingbares Verlangen, die Tendenz zur Dosissteigerung, psychische und oft auch körperliche Abhängigkeit sowie Schaden für den Einzelnen oder die Gesellschaft. Heute werden Abhängigkeitserkrankungen in den internationalen Diagnosesystemen differenzierter beschrieben, die Grundmerkmale sind aber ähnlich.

Wie eine Sucht entsteht, ist komplex. Neben körperlichen und genetischen Faktoren spielen seelische und soziale Umstände eine Rolle, zum Beispiel:

  • geringes Selbstwertgefühl oder fehlende Anerkennung
  • Schwierigkeiten, mit Konflikten, Beziehungen oder Misserfolgen umzugehen
  • fehlende Perspektive und Zukunftsängste
  • Gruppendruck, Langeweile, Neugier oder der Wunsch, Grenzen auszutesten

Krisenzeiten mit Unsicherheit, Einsamkeit oder finanziellem Druck können solche Muster verstärken.

Der Unterschied zwischen Gewohnheit und Sucht

Gewohnheiten werden stärker, je länger und öfter wir sie ausüben. „Old habits die hard“, sagt ein englisches Sprichwort. Sie vereinfachen und automatisieren Handlungen und machen sie zur Routine.

Sucht wird oft als besonders starke Form der Gewohnheit gesehen, mit einem wichtigen Unterschied: Eine Gewohnheit ist meist harmlos und bleibt kontrollierbar. Bei einer Sucht dagegen schadet sich die Person körperlich oder seelisch, oft leidet auch das Umfeld, und die freie Kontrolle über das Verhalten ist verloren gegangen. Wer bei sich eine Abhängigkeit vermutet, sollte sich professionelle Unterstützung holen, etwa bei einer Suchtberatungsstelle oder beim Hausarzt.

Gewohnheit in Alltag und Arbeitsleben

Die Macht der Gewohnheit steht somit außer Frage – und das betrifft nicht nur die privaten Lebensbereiche sondern auch Abläufe im Arbeitsalltag. Während Corona haben viele von uns erfahren, wie sehr Gewohnheiten unseren Alltag auch im Berufsleben bestimmen.

Gerade wenn sich bestehende Regeln schlagartig ändern, wie in der jetzigen Zeit, merken wir, wie anstrengend es eigentlich ist alte Verhaltensweisen abzulegen. Plötzlich spielt sich vieles nur mehr online ab. Die Besprechungen sind nicht mehr im Meetingraum im 1. Stock, sondern am eigenen Arbeitsplatz, virtuell. Homeoffice wird mehr und mehr implementiert. Das Gespräch mit Kollegen im Gemeinschaftsraum wird dringlichst vermisst. Der regelmäßige Austausch und Flurfunk verläuft nur mehr über den Chat.

Ein paar typische Bereiche, in denen Gewohnheiten am Arbeitsplatz eine Rolle spielen:

  • Sozialverhalten (z.b.: Zuhören, Ausreden lassen, Pünktlichkeit, Höflichkeit und Wertschätzung)
  • Leistungsverhalten (z.b.: Umfang, Präzision, Geschwindigkeit und Qualität der Arbeitsergebnisse)
  • Arbeitsprozesse (z.b.: Widerstand bei Veränderungen, Festhalten an unterlegenen Abläufen – etwa alter Software oder Schreiben ohne Zehnfingersystem)
  • Fremdbeschäftigung bei der Arbeit (z.B. Umgang mit Handys, Internet – Facebook)
  • Interaktion (z.B.: wie viel man mit wem redet, Informationen zurückhalten, nicht loben oder jedem alles erzählen)
  • Veränderung (z.B.: wie geht man mit Veränderungen um, Widerstand)
  • Zuverlässigkeit (z.B.: permanentes Zuspätkommen)
  • Sicherheit (z.B.: gewohnheitsmäßiges Missachten von Vorschriften)
  • Maßnahmen durch Regierung umsetzen (Maske tragen, getestet erscheinen)

Aus den Gewohnheiten der einzelnen Mitarbeiter und Teams entsteht dann die Unternehmenskultur als kollektive Gewohnheiten und Normen, wie man sich im Unternehmen grundsätzlich verhält.

Wer Erfolg will, braucht Gewohnheiten, sei es beim Sport, bei Gesundheitsthemen, beim Lernen in der Schule, bei der Sicherheit im Auto (z.B. Gurt-Anlegen, Schulterblick, Alkoholkonsum, Kindersitz) oder eben bei beruflichen Herausforderungen.

Auch unregelmäßiges ausüben von Sport oder nur gelegentliches Zähneputzen nutzt vergleichsweise wenig im Vergleich zu wirklich gut eingeschliffenen Gewohnheiten.

Dies macht Gewohnheiten zu einem entscheidenden Thema auch für die Motivation von Mitarbeitern.

„Gewohnheiten sind regelmäßige Verhaltensweisen, die von einer bestimmten Situation spontan ausgelöst werden und dann vom Bewusstsein weitgehend unkontrolliert gleichförmig ablaufen.„

Neue Gewohnheiten im Team aufbauen

Auch in Unternehmen hängt vieles an der Macht der Gewohnheit. Ein Rezept für alle gibt es nicht, aber einige Gemeinsamkeiten. Ein Beispiel aus dem Kundendienst, das sich auf Produktion, Einkauf oder Verwaltung übertragen lässt:

  • Alte Gewohnheiten mitdenken: Neue Routinen stoßen fast immer auf bestehende. Den Aufbau des Neuen und den Abbau des Alten sollte man deshalb gemeinsam planen.
  • Erleben statt nur erklären: „Das haben wir schon immer so gemacht“ ist oft die erste Reaktion. Argumente allein helfen wenig. In einem gemeinsamen Workshop mit Übungen und nachgestellten Alltagsszenen erleben Mitarbeitende selbst, welchen Unterschied das neue Verhalten für Kundinnen und Kunden macht.
  • Begleitung im Alltag: Zurück am Arbeitsplatz braucht es jemanden, der unterstützt, ein Coach, erfahrene Kollegen oder das ganze Team. Sonst rutscht man schnell in den alten Trott zurück. Gewohnheiten entstehen erst durch Wiederholung unter ähnlichen Bedingungen.
  • Transparenz: Wer sieht, wo er steht und welche Ziele gelten, bleibt eher dran.
  • Anerkennung und Gemeinschaft: Wenn alle gemeinsam starten und Veränderung sichtbar anerkannt wird, fällt Mitmachen leichter. Ein freundschaftlicher Wettbewerb kann zusätzlich motivieren.
Team bespricht Veränderungen im Büro
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Meine Erfahrung aus dem Maschinenbau

Als Führungskraft im weltweit tätigen Kundendienst habe ich eine neue Software eingeführt. Die größere Herausforderung war dabei nicht die Technik, obwohl die Einführung viel Zeit kostete und mich als Führungskraft oft blockierte. Meine Empfehlung: Wer so ein Projekt angeht, sollte eine eigene Projektverantwortliche oder einen Projektverantwortlichen benennen.

Die eigentliche Aufgabe war, das ganze Team davon zu überzeugen, dass das neue Werkzeug uns Vorteile bringt. Alles Neue wurde akribisch hinterfragt. Das finde ich grundsätzlich gut, weil sich so alle mit dem Thema beschäftigen. Es kann aber auch dazu führen, dass sich die Gegenargumente immer weiter häufen. Wichtig ist, das Ziel und den Grund für die Veränderung nie aus den Augen zu verlieren.

Unser bisheriges System aus Excel-Listen und externen Geräteakten war veraltet und träge, und das Serviceteam hatte sich inzwischen verdoppelt. Mit der neuen Software konnten wir wieder zeitgemäß arbeiten, parallel und mit Planung im selben Werkzeug. Schritt für Schritt haben wir die Abläufe in internen Workshops gemeinsam neu gedacht. Die Übergangszeit dauerte etwa drei Monate, bis sich die neuen Abläufe gefestigt hatten.

Am Ende arbeiteten wir effizienter, hatten gut dokumentierte Abläufe und deutlich weniger Papierverbrauch. Die Gruppendynamik half dabei, auch die größten Kritiker mitzunehmen.

Schreibtisch mit Kaffeetasse und Smartphone
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In fünf Schritten Routinen verändern

  1. Gewohnheiten beobachten: Führe eine Zeit lang Tagebuch über deine Abläufe.
  2. Auslöser erkennen: Was passiert unmittelbar, bevor du ein bestimmtes Verhalten zeigst?
  3. Bewerten: Ist diese Gewohnheit für dich in Ordnung, oder willst du sie verändern?
  4. Alternative finden: Das Bedürfnis hinter der Gewohnheit bleibt oft bestehen. Such ein neues Verhalten, das es besser erfüllt, und nutze dabei deine mentale Stärke.
  5. Wiederholen: So oft wie möglich, bis das neue Verhalten ohne Nachdenken abläuft.
Mann beim Krafttraining mit Langhantel
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Wie lange dauert es?

Man liest oft von 21, 30 oder 66 Tagen. Tatsächlich ist die Dauer sehr unterschiedlich. In einer bekannten Studie dauerte es im Schnitt rund zwei Monate, bis ein neues Verhalten automatisch ablief, je nach Person und Gewohnheit aber von wenigen Wochen bis zu mehreren Monaten. Je einfacher die neue Gewohnheit, desto schneller geht es meist.

Und manche alten Muster melden sich auch nach Jahren noch. Wer früher geraucht hat, kennt das: In besonderen Situationen taucht der Gedanke an eine Zigarette plötzlich wieder auf. Das ist kein Versagen, sondern normal.

„Wir sind, was wir wiederholt tun. Exzellenz ist also keine Handlung, sondern eine Gewohnheit.“

Will Durant über Aristoteles

Neun Tipps, um alte Muster abzulegen

  1. Setz dir erreichbare Ziele und nimm dir am Anfang nicht zu viel vor.
  2. Stell dir die Vorteile vor: Was ändert sich, wenn du gesünder isst, nicht mehr rauchst oder weniger Alkohol trinkst?
  3. Leg einen konkreten Startzeitpunkt fest und schreib ihn auf.
  4. Wähle einen passenden Moment: Weniger Alkohol nimmt man sich besser nicht vor einer Geburtstagsfeier vor, sondern an einem ruhigen Abend zu Hause.
  5. Sprich deinen Vorsatz laut aus: „Ich esse abends keine Schokolade mehr.“
  6. Führe einen Kalender und mach jedes Mal einen Haken, wenn es geklappt hat. Beim zehnten Mal gönnst du dir eine kleine Belohnung.
  7. Überleg dir Wenn-dann-Pläne: Wenn heute Abend Besuch kommt und du nicht laufen kannst, dann läufst du morgen früh oder gehst mit dem Besuch spazieren.
  8. Hol dir Unterstützung, bei einer Freundin, einem Coach oder in der Lebensberatung.
  9. Gib nicht gleich auf, wenn du einmal rückfällig wirst. Sei nachsichtig mit dir.

Wie ich Menschen und Teams dabei begleite, alte Muster zu verändern und ins Tun zu kommen, findest du unter Vom Eigentlich ins Tun und Für Unternehmen. Ein kostenloses Erstgespräch ist ein möglicher erster Schritt.

3 Antworten zu „Die Macht der Gewohnheiten: wie Routinen entstehen, wann sie zur Falle werden und wie du sie änderst“

  1. […] alle Blockaden sollten 100%ig aufgelöst werden) deine verankerten Glauenssätze, sodass dein neues Ziel, deine gewünschte Veränderung mit einer neuen Leichtigkeit in den Fokus rücken kannst. […]

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  2. […] können mit stressigen Situationen besser umgehen, haben weniger Schlafprobleme, Ängste und Unruhezustände. Wer die Gehmeditation […]

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  3. […] alle Blockaden sollten 100%ig aufgelöst werden) deine verankerten Glauenssätze, sodass dein neues Ziel, deine gewünschte Veränderung mit einer neuen Leichtigkeit in den Fokus rücken kannst. […]

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