Pssst – warum dein Gehirn Stille braucht und wie du sie im Alltag findest

Unsere Welt ist laut geworden. Rund um die Uhr sind wir von Geräuschen, Ablenkungen und Störquellen umgeben, bewusst oder unbewusst. Echte Stille ist selten geworden, so selten, dass wir sogar Geld dafür ausgeben: ein paar Tage in der Therme, Urlaub auf einer Alm ohne Handyempfang, Hotels und Klöster, in denen man das Handy an der Rezeption abgibt.

Der Gedanke dahinter ist richtig: Wir brauchen Stille, für unsere Gesundheit genauso wie für unser Gehirn.

Ruhige Szene als Sinnbild für Stille
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Was ist Stille?

Stille bezeichnet die Abwesenheit von Geräuschen, oder zumindest das Gefühl davon. Völlige Stille gibt es im Alltag kaum. Irgendetwas ist immer zu hören: das Ticken der Uhr, der Nachbar beim Rasenmähen, die Straßenbahn, Kolleginnen und Kollegen, Telefone, Baustellen, Laubbläser. Vieles davon nehmen wir mit der Zeit kaum noch bewusst wahr. Es beschäftigt uns trotzdem.

Seien Sie mal ganz leise. Pssst. Hören Sie es auch?

Zwei Arten von Stille

  • Selbst gewählte Stille in einer ruhigen Umgebung ohne störende Geräusche wirkt auf die meisten Menschen beruhigend und entspannend. Sie kann das Wohlbefinden fördern und hilft, sich besser zu konzentrieren.
  • Absolute Stille über längere Zeit wird dagegen oft als unangenehm, teils sogar beklemmend erlebt. Völlige Reizarmut kann Menschen stark verunsichern.

Warum Stille so wichtig ist

Intuitiv suchen wir oft die Stille: wenn es uns nicht gut geht, wenn wir krank oder erschöpft sind, bei Liebeskummer oder wenn wir uns konzentrieren wollen. Gleichzeitig machen viele genau das Gegenteil, weil sie an einen ständigen Geräuschpegel gewöhnt sind: Musik laut, Fernseher oder Radio im Hintergrund. Dabei hätte Stille einiges zu bieten.

Stille hilft beim Stressabbau

Lärm ist eine Form der Umweltbelastung. Er kann Stress auslösen, den Blutdruck steigen lassen und auf Dauer das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen. Laute Geräusche versetzen den Körper in Alarmbereitschaft, und Stresshormone werden ausgeschüttet.

Umgekehrt zeigte eine Studie, dass schon kurze Pausen in Stille zwischen Musikstücken Blutdruck und Herzschlag deutlicher senkten als entspannende Musik selbst.

Stille schafft mentale Frische

Die vielen Geräusche, die auf uns einprasseln, ermüden das Gehirn. Jede Information will eingeordnet werden, und je mehr es sind, desto schneller lässt die Konzentration nach.

Dazu kommt: Die Ohren können wir nicht einfach schließen. Wenn wir nichts sehen wollen, machen wir die Augen zu. Beim Hören geht das nicht. Selbst wer sich die Ohren zuhält, hört noch etwas, und sei es das Rauschen, das Oma früher Meeresrauschen nannte. Umso wohltuender wirken bewusste Pausen in Ruhe. Sie geben den Gedanken Raum, Probleme zu durchdenken, Lösungen zu finden und bessere Entscheidungen zu treffen.

Stille und Aufmerksamkeit

Wer regelmäßig Zeiten der Ruhe und Sammlung in den Alltag einbaut, etwa durch Meditation, kann seine Aufmerksamkeit trainieren. Studien zu Meditation zeigen, dass sich die Aufmerksamkeit von Teilnehmenden nach einigen Wochen bis Monaten regelmäßiger Übung messbar verbessern kann.

Was eine Studie an Mäusen zeigte

2013 untersuchte eine Studie an Mäusen, wie verschiedene Geräusche auf das Gehirn wirken. Die Stille war eigentlich nur als Vergleichsbedingung gedacht. Überraschenderweise zeigte sich, dass zwei Stunden Stille pro Tag die Bildung neuer Zellen im Hippocampus anregten, einer Hirnregion, die mit Lernen und Gedächtnis zu tun hat. Ob sich das auf Menschen übertragen lässt, ist noch offen. Spannend ist das Ergebnis trotzdem.

Die stille Stunde im Büro

Im Arbeitsalltag ist Stille schwer zu finden. Man müsste dafür eine Zeit lang E-Mails und Nachrichten ignorieren, das Telefon leise stellen und den Tratsch in der Kaffeeküche auslassen. Genau das empfiehlt der Arbeits- und Organisationspsychologe Cornelius König von der Universität des Saarlandes einmal am Tag. In seiner Untersuchung stieg bei Führungskräften, die sich bewusst eine ungestörte Stunde nahmen, die Qualität der in dieser Zeit erledigten Arbeit, und sie erlebten auch den restlichen Tag als produktiver und zufriedenstellender.

Leicht ist das nicht. Es braucht Selbstdisziplin und bei Mitarbeitenden auch die Möglichkeit und Erlaubnis, für eine Stunde nicht erreichbar zu sein.

Lärm als Gesundheitsrisiko

Lärm ist ein anerkanntes Gesundheitsrisiko. Laut einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation gehen allein in Westeuropa jedes Jahr mindestens eine Million gesunde Lebensjahre durch Verkehrslärm verloren, unter anderem durch Schlafstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Tinnitus.

In Österreich ist Lärmschutz eine Querschnittsmaterie. Es gibt kein allgemeines Lärmschutzgesetz, sondern zahlreiche Bestimmungen in verschiedenen Rechtsbereichen, die sich auch zwischen den Bundesländern unterscheiden können. Mehr dazu bietet das Umweltbundesamt.

Als Hauptverursacher nennen Menschen, die sich durch Lärm belästigt fühlen, vor allem Verkehrslärm von Straße, Schiene und Flugzeugen. Für manche kann die Ruhe eines Arbeitsplatzes deshalb durchaus ein Kriterium bei der Jobwahl sein.

Stille macht kreativ

Die Hirnforschung kennt das sogenannte Ruhezustandsnetzwerk. Es wird vor allem dann aktiv, wenn wir gerade nichts Bestimmtes tun und kaum äußere Reize auf uns einwirken, etwa beim Tagträumen. Die Gedanken wandern und bilden dabei neue Verknüpfungen. Viele gute Ideen entstehen genau in solchen Momenten.

Wer eine Lösung sucht, sollte sich deshalb nicht immer krampfhaft darauf konzentrieren. Manchmal hilft es mehr, in der Stille einfach die Gedanken schweifen zu lassen.

„In der Stille werden die wahrhaft großen Dinge geboren.“

Thomas Carlyle

So bringst du mehr Stille in deinen Alltag

  • Ohrstöpsel verwenden
    Wenn du am Arbeitsplatz oder zu Hause Ruhe brauchst und rundherum gebohrt, telefoniert oder getratscht wird, helfen Ohrstöpsel. Du kapselst dich damit zwar ab, aber manchmal ist genau das nötig.
  • Spazieren gehen
    Nicht entlang der Hauptstraße, sondern im Wald, am Feld oder in einem ruhigen Park, wo höchstens ein paar Vögel zu hören sind.
  • Bewusst abschalten
    Telefon, Radio, Fernseher, Computer: Schalte alles, was Geräusche macht, einmal bewusst aus. Setz dich hin und hör der Stille zu. Plane dafür tatsächlich Zeit in deinem Kalender ein.
  • Den eigenen Rhythmus nutzen
    Zu Stoßzeiten ist es überall laut. Vielleicht kannst du früher ins Büro kommen und die Ruhe der ersten Stunde nutzen oder abends noch in Ruhe arbeiten, wenn die anderen schon gegangen sind.
  • Eine Ruheoase einrichten
    Im Job oder zu Hause: ein Ort ohne Gespräche, ohne klingelndes oder vibrierendes Handy. Nur du und die Stille.
  • Alphalauf oder Alphawalking ausprobieren
    Beim Alphalauf geht es um ruhige Bewegung, Wahrnehmung und das Hier und Jetzt, ohne Zeitdruck.
Leere Straße in der Morgenstille
Stille auf der Straße?

Das Paradox der Stille

Stille scheint wie „nichts“ und wirkt trotzdem erstaunlich wohltuend. Diese Wirkung kannst du in deinen Alltag hineintragen, beim Gehen, beim Laufen oder in der Meditation. Stille ist eine Fähigkeit, die wir wieder lernen dürfen, und sie gibt uns viel zurück.

Wie ich Bewegung, Ruhe und Wahrnehmung in meiner Arbeit verbinde, findest du unter Bewegung und Körper. Ein kostenloses Erstgespräch ist ein möglicher erster Schritt.

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